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2 Technik und Gesellschaft

Bevor ich verschiedene Ansätze der techniksoziologischen Theorien näher darstellen will, möchte ich ein generelleres Problem der Klassifikation verschiedener Ansätze darstellen, welches die Übersicht und die Vergleichbarkeit der verschiedenen Ansätze maßgeblich erschwert. Es soll im Folgenden versucht werden, einen eklektischen Ansatz zu entwickeln, mit welchem das Internet aus der Sicht der Techniksoziologie erfasst wird. Dieser lässt sich jedoch schwierig in die momentan existierende Spannweite der techniksoziologischen Theorien zwischen den verschiedenen monokausalen oder sozialkonstruktivistischen Ansätzen einordnen, eine Klassifikation, welche zur Polarisierung nur sehr bedingt taugt. Weiterhin erscheint mir die Einbindung der Systemtheorie Luhmannscher Prägung unter die sozialkonstruktivistischen Ansätze, wie sie von Rammert und Krohn explizit mit angeführt wird, als erzwungen und nicht unbedingt stringent.

Nach Rammert sind Gegenstände der Techniksoziologie die Grenzziehung zwischen Technik und Sozialem, und die Prozesse und Wechselwirkungen, die an dieser Grenze stattfinden. Wie und in welche Richtungen hier Wechselwirkungen stattfinden, soll im Folgenden schematisiert werden. Ziel ist die Aufstellung eines alternativen Klassifizierungsschemas, welches zwar nicht vollständig sein wird und ebenso wenig alle vorgestellten Ansätze erfasst, mir in der Bildung von Polaritäten und im Schaffen von Sonderpositionen jedoch stringenter scheint als Rammerts Gliederung.

Die Klassifikation von Theorien unter der Bezeichnung "`monokausal"' legt die Existenz eines Gegenpols "`multikausal"' nahe, die Betonung des Wechselspiels zwischen Technik und Gesellschaft auf der einen Seite und der deterministischen Wirkung von "`Geneseursachen"' der Technik bei den verschiedenen monokausalen Theorien andererseits die Polarität zwischen mono- und bidirektionalen Ansätzen, d.h. Technik, die von bestimmten Faktoren der Gesellschaft bestimmt wird oder aber mit diesen Faktoren in einem Wechselspiel steht. So ließe sich ein 2x2-Pattern konstruieren, in welches man dann verschiedene von Rammert vorgestellten Theorieansätze verorten könnte:

monokausal multikausal
unidirektional Anthropologische, marxistische, kritische und kulturalistische Ansätze in Rammerts Darstellung

Sonderfälle des Technikdeterminismus: Die Entwicklung ist als solche nicht extern steuerbar, ursächlich ist ein Hauptfaktor.

Unscharf und das Hauptaugenmerk auf der Unbeeinflussbarkeit und den ,evolutionären Charakter' des technischen Fortschritts gelegt, kann man hier auch systemtheoretische Ansätze verorten.

Die Kombination mehrerer der auf die Technikgenese einwirkenden Faktoren unikausaler Techniktheorien kommt bei Rammert nicht vor. Angesichts der Begrenztheit monokausaler Ansätze eine notwendige Erweiterung der Theorie.

Der Technikdeterminismus wird durch die Kombination mehrerer Faktoren, die die Technikgenese beeinflussen, noch nicht notwendigerweise aufgehoben.

bidirektional Erweitert den vorigen Fall dadurch, dass die Entwicklung der technikprägenden gesellschaftlichen Struktur ihrerseits von Technik geprägt wird.

Positionen der Technikfolgenabschätzung: der die Technologieentwicklung prägende Gesellschaftsteil ist in der Lage, die Entwicklung zu einem gewissen Grad vorauszusehen und regulierend einzugreifen.

Fasst man allgemein ,Kultur' als Gegenstück/Beeinflussung der Technik auf, stellt dies eine Position des Sozialkonstruktivismus dar.

Aufhebung des Determinismus innerhalb der Technik selber:

Selbst ungesteuerte Technikentwicklung wird, sobald möglich, der Logik der die Technikgenese dominierenden Gruppen unterworfen und nutzbar gemacht.

Bei fehlender/wechselnder Benennung der relevanten Gruppen Position des Sozialkonstruktivismus.

So sind die von Rammert vorgestellten "`monokausalen"' Ansätze implizit unidirektional gedacht. Gehlens anthropologischer Ansatz geht vom Mängelwesen Mensch aus, welcher als Determinante die technische Entwicklung erzeugt. Marxistische Ansätze postulieren eine Technikgenese, die ihre Ursache im Profitstreben der besitzenden Klasse hat etc. - letztendlich gibt es einen bestimmenden Faktor, der die Technikgenese im Rahmen seiner Zielsetzungen entscheidend prägt.

Unidirektionale Ansätze sind notwendigerweise auch deterministisch, da die Richtung der Technikgenese eindeutig und bestimmbar anhand der "`Ursachen"' feststellbar sind. Deterministische Ansätze sind in dem beschriebenen 2x2-Pattern sogar differenzierter beschreibbar, da prinzipiell mehrere determinierende Faktoren denkbar sind. Technikdeterministische Theorien gehen von einer Unbeeinflussbarkeit der Technikgenese von gesamtgesellschaftlichen Interessen aus und betrachten die Technikgenese als Resultante eines oder mehrerer gesellschaftlicher Faktoren, die gewöhnlich nicht einem öffentlichen/gesamtgesellschaftlichen Einfluss unterliegen.

Die Erweiterung der Ansätze durch den Aspekt der Bidirektionalität der Wechselwirkungen zwischen Technikentwicklung und Gesellschaft durchbricht den engen Rahmen des Determinismus. Auch hier kann unterschieden werden, wo die Rückwirkung der Technik maßgeblich und vor allem zumindest ansatzweise gesteuert stattfindet. Niemand wird bestreiten, dass Technik Gesellschaft verändert, nur ob sie das auf eine bestimmte Art und zumindest teilweise geleitet durch bestimmte Interessensgruppen tut, bleibt die weiterhin offene Frage. Unklar ist, ob die Rückwirkung der Technikentwicklung vollkommen ungesteuert geschieht (hier kann man an systemtheoretische Ansätze denken), oder ob auch mehrere einzelne Gruppen die Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft steuern oder beeinflussen können (was, optimistisch gedeutet, Vorausbedingung jedes Glaubens an die Machbarkeit von Technikfolgenabschätzung sein muss; pessimistisch gewendet die Kombination des Ansatzes von Marcuse mit dem der Neomarxisten darstellt, wonach einzelne gesellschaftliche Interessensgruppen die Hauptnutznießer der Technikentwicklung sind und diese instrumentalisieren, um bestehende Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse zu stabilisieren). Sozialkonstruktivistische Ansätze gehen ebenfalls von einer solchen Wechselwirkung aus, jedoch sind die ,Rückwirkungen' in die soziale Welt verallgemeinert (unter dem Überbegriff ,Kultur') oder sind wechselhaft und unbestimmbar (die soziale Wirkung technischer Weiterentwicklung ist kontingent).

Systemtheoretische Ansätze können auch als außerhalb des Schemas eingeordnet gedacht werden, da sie, je nach Radikalität des Ansatzes eine direkte Wirkung oder Wechselwirkung zwischen Techniksystem und anderen Gesellschaftssystemen in dieser Form komplett ablehnen. Allenfalls gehen sie von Störungen und Rauschen aus, wobei aufgrund der Kommunikationen des einen Systems ungerichtet und ziellos Resonanzen im Techniksystem stattfinden, die sich mit der Ursache aber in keinem direkt kausalen oder steuerbaren Verhältnis befinden.

Im Folgenden sollen diese verschiedenen Ansätze näher betrachtet werden.


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Richard Joos; 6. Februar 2002